Seit 1700 Jahren ist jüdisches Leben in Deutschland dokumentiert.  Was fällt Dir ein zu „Jüdisches Leben in Deutschland“?

Drei der Befragten schrieben einleitend:
Über die Jahrhunderte hinweg gab es Wellenbewegungen im Wechsel zwischen Akzeptanz und Wertschätzung des Beitrags der jüdischen Bevölkerung zu Wirtschaft und Kultur in der jeweiligen Region/Stadt, in der sie wohnten und schlimmsten Pogromen und Vertreibung, vor allem im Namen der Kirche/n und der jeweiligen Fürsten/Herrscher, wenn die einen Sündenbock brauchten oder glaubten, der Einfluss der Juden sei zu groß.
Und:
Wir sind sehr gewohnt vom katastrophalen „Ende“ her zu denken, dieses dürfen wir nie vergessen (gemeint ist die Zeit des Nationalsozialismus), aber es gibt eine lange Geschichte vor 1933, die zwar auch von Antisemitismus begleitet war, aber eben auch erstaunlichste Biographien und Kulturleistungen hervorbrachte.
Und:
Es gab Zeiten, in denen Juden und Christen gut zusammenlebten und das kulturelle und geistige Leben gemeinsam bereicherten. 1871 wurden in der Reichsverfassung deutsche Juden mit allen anderen Deutschen gleichgestellt. So gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Blütezeit des ökonomischen und kulturellen Miteinander bis zur Weimarer Republik.

Jedoch wurde von fast allen Befragten an erster Stelle die Geschichte der Judenverfolgungen und Diskriminierung in Deutschland genannt – oft mit den einleitenden Worten wie: „das erste was mir dazu einfällt ist“:

Diskriminierung und Verfolgung, angefangen im Mittelalter (z.B. Pestpogrome, Vertreibungen, oder oft nur Duldung durch Herrscher, die sich wirtschaftliche Vorteile erhofften, Verbot von Landbesitz) über den aufkeimenden Antisemitismus im 19. / 20. Jahrhundert, aber vor allem auch während des Nationalsozialismus im sogenannten 3. Deutschen Reich.

So zum Beispiel:

  • die schrecklichen Nazi-Verbrechen der jüngeren deutschen Geschichte - der Holocaust (die Shoah), z.B. das Warschauer Ghetto, die Konzentrations- und Vernichtungslager (speziell Auschwitz), die Reichspogromnacht, die Ächtung und Verfolgung der jüdischen Mitbürger, ihre massenhafte Flucht aus Nazi-Deutschland ins Exil

  • Berufsverbote und Verbote, öffentliche Einrichtungen zu nutzen (z.B. Tübingen: erste „judenfreie Universität“, erstes „judenfreies Freibad“)

  • das Thema

  • Judenverfolgung wurde in meiner Kindheit und Jugend vielerlei besprochen, in der Familie aber auch in der Schule. Meine Eltern haben mir von deportierten Juden erzählt, so wurde z.B. das Kaufhaus Tietz in Bamberg an Arier unter Wert verkauft, etc. –

  • Meine Mutter erzählte von ihrem jüdischen Kinderarzt, der plötzlich nicht mehr da war, weil er vermutlich emigriert war. Und von ihren Erinnerungen, als plötzlich der Zugang zu den Geschäften jüdischer Inhaber verwehrt wurde und SS-Männer mit Plakaten „Eine deutsche Frau kauft nicht beim Juden“ vor den Läden standen. Mein Großvater berichtete von den Gräueltaten der Reichspogromnacht.

  • Jüdische Soldaten im 1. Weltkrieg, wobei im Nachhinein Juden gezielt als „Drückeberger“ verleugnet wurden, um den Judenhass zu schüren.

  • Kennzeichnung durch den sogenannten Judenstern

  • Aktuell zunehmend öffentlicher Judenhass und antisemitistische Bedrohungen, Angriffe auf jüdische Einrichtungen (z.B. Halle), Übergriffe und Attentate auf Menschen jüdischen Glaubens, Verbrennen der jüdischen Fahne, Ablehnung jüdischen Lebens nicht nur in rechts- und linksradikalen Kreisen, sondern auch in Migrant*innenkreisen und aus der bürgerlichen Mitte heraus, zu der sich auch AfD-Mitglieder zählen, von denen immer wieder einige durch antisemitische Äußerungen auffallen

  • Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus – geflüchtete oder deportierte und ermordete jüdische Mitbürger*innen - die Namen und Zuordnung zu den Gebäuden, brachten mir die Vergangenheit näher

  • viele Familien sind nicht mehr da, weil sie ermordet wurden oder emigriert sind, viele, die hier noch leben, bleiben unsichtbar.

  • eine Teilnehmerin bewegt die „Hitlervergangenheit“ noch sehr, da sie aufgrund ihrer Behinderung, genau wie die Juden auch, verfolgt werden würde.
    Ihre Einstellung ist, „dass Juden ja auch ganz vernünftige Menschen sind“ und es keinen Grund gibt, diese zu verfolgen. "Sie haben wie jeder andere ein Recht auf Leben. Man müsse sie halt besser kennenlernen und „dann würde man das merken“.

     

Weiter wurde in diesem Zusammenhang genannt:
im Mittelalter lebten jüdische Kaufleute in nahezu jeder deutschen Stadt, lange Zeit zum Leben am Rande verdammt, gezwungen in speziell Jüdischen Vierteln zu leben (Gettoisierung) ausgeschlossen von vielen Berufen, z.B. von den Handwerkszünften, deshalb Ausweichen zu von Christen verschmähten oder den Christen verbotenen Berufen wie Kreditvergabe und Pfandleihe – in Folge Beschimpfung als „Wucherer“ und Stereotyp des reichen, habgierigen Juden.
Aber natürlich gab es auch erfolgreiche Epochen – im Zusammenhang damit wird der große Überlebens- und Anpassungswille der jüdischen Bevölkerung genannt.

Ein Beispiel für die Vertreibung von Juden: 1477 aus Tübingen durch Graf Eberhard im Barte.

Einer der Befragten brachte sein „großes Entsetzen“ über den Umgang der sog. christlichen Gesellschaft in der deutschen Geschichte mit den Menschen zum Ausdruck, aus deren Religion die christliche hervorgegangen ist.
 

Ebenso wurde von fast allen Befragten die lange Geschichte und Reihe von berühmten Jüdinnen und Juden in Deutschland, die unsere Kultur geprägt haben und ohne die die deutsche Geschichte nicht die wäre, die sie ist.

  • vielseitige, essentielle Beiträge stammen von jüdischen Schriftsteller*innen, Musiker*innen, Bildenden Künstler*innen, Philosoph*innen, Wissenschaftler*innen, Mediziner*innen, Theater- und Filmschauspieler*innen, Regisseure, Filmproduzenten, Publizisten ….

Namentlich genannt wurden
Heinrich Heine, Franz Kafka, Albert Einstein, Sigmund Freud, Karl Marx, Anne Frank, Ida Dehmel (Gründerin der GEDOK), Hilde Domin, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno, Gustav Mahler, Franz Kafka, Ernst Alfred Cassirer, Felix Mendelssohn Bartholdy, Stefan Zweig, Kurt Tucholsky, Lion Feuchtwanger, Elke Lasker-Schüler, Kurt Weill, Nelly Sachs, Max Liebermann, Carl Lämmle, Igor Levit
(wobei – schreibt ein Teilnehmer - für mich die Religionszugehörigkeit bzw. die jüdische Abstammung der Betreffenden eigentlich nicht im Vordergrund steht diese ist für mich allenfalls relevant, wenn ihre Vergegenwärtigung es, wie bspw. bei Walter Benjamin, erlaubt, bestimmte Motive des Denkens besser verstehen zu können)

  • Literarische Salons in Berlin im 19. Jahrhundert (Rahel Varnhagen)

  • Showbusiness: Ilja Richter, Hans Rosenthal

  • aber auch Bankiers oder Unternehmer wie James Simon (Förderer und Mäzen von Berliner Museen) wurden genannt

Das waren oft einflussreiche Menschen. Das erweckte wiederum den Neid von weniger begünstigten Mitbürgern und bot natürlich auch Stoff für Verschwörungstheorien. Vielleicht ist das ein Grund für den hohen Anteil wichtiger Wissenschaftler, Künstler, die heute als die reiche jüdische Kultur in Deutschland bezeichnet werden. Viele dieser Juden waren jedoch nicht religiös und haben sich als Teil der deutschen Kultur gesehen. Diese Trennung ist im Sinne der „Antisemiten“ und sollte kritisch hinterfragt werden. Die Jüdische Kultur ist ebenso deutsche Kultur wie christliche Kultur.

 

Weitere häufige Nennungen:

  • beeindruckende jüdische Museen, Synagogen (die leider wieder gut bewacht werden müssen – „das sagt fast alles“), jüdische Friedhöfe und Denkmäler, Bäder (Mikwe)

  • der Zentralrat der Juden als wichtige Institutionen, die immer wieder in den Medien genannt wird, wenn es um Antisemitismus in Deutschland geht.

Vereinzelt wurde genannt:

  • Blogs von Juden/Jüdinnen, die sich gegen Diskriminierung & für ein besseres Verständnis der jüdischen Kultur in Deutschland einsetzen

  • „Meet a Jew“, ein Projekt des Zentralrats der Juden, das Begegnung schafft und so dabei hilft, Vorurteile und Unsicherheiten abzubauen

  • die SchumStädte Worms, Mainz, Speyer.
    Die SchUM-Stätten (UNESCO Weltkulturerbe) umfassen einzigartige, vorbildgebende Gemeindezentren, Monumente und Friedhöfe. Es sind herausragende, besonders frühe und in einzigartiger Dichte und Vollständigkeit erhaltene Zeugnisse einer lebendigen jüdischen Tradition in dieser Region und darüber hinaus. In ihnen zeigen sich die bauliche Innovationskraft und die herausragende Gelehrsamkeit. Hier gab es Schnittpunkte und auch Austausch mit der nichtjüdischen Umgebungskultur.

  • die Bereicherung, die jüdische Gemeinschaften, Familien und Einzelpersonen für Deutschland bedeuteten und dies immer noch tun. Eng verbunden ist das mit dem Ort Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb. Dort lebten zeitweilig mehr Juden und Jüdinnen als Christinnen und Christen.

  • Es gibt in meinem Wohnort Hechingen eine restaurierte Synagoge, die 1938 verwüstet wurde. Jüdisch, religiöses Leben gab es nach der Renovierung nur für wenige Jahre, nachdem jüdische Spätaussiedler nach Hechingen kamen, sich dann jedoch anderswo angesiedelt haben. Heute ist sie einer der schönsten Räume der Stadt und Ort des Erinnerns sowie der kulturellen Begegnung.

  • in den Kulturnachrichten wird manchmal berichtet, dass eine neue Synagoge eingeweiht wird, manchmal wird über den Todestag eines bekannten jüdischen Menschen geschrieben

  • im Deutschlandfunk Kultur gibt es immer wieder interessante Beiträge über das Judentum

  • Jiddisch (mit vielen Elementen auch des Deutschen) und Jiddische Musik, Klezmer

  • aktuelle jüdische Literatur und Filme jüdischer Regisseur*innen

  • ein normaler Teil der deutschen Gesellschaft, Deutsche wie Du und ich; Deutsche, die eben auch Juden sind

  • die Freude, dass trotz allem jüdische Menschen wieder hier ihre Heimat haben

  • „jüdisches Leben in Deutschland“ hätte ich gerne in den 1920er-Jahren kennengelernt, als es noch weit verbreitet war

  • dass ich in Tübingen keine Leute mit Kippa herumlaufen sehe

  • Jüdisches Leben in Deutschland kenne ich eigentlich nur aus Fernsehberichten, Filmen und Büchern

  • Laut der Website des Berliner Jüdischen Museums sind nur (noch) ca. 0.2% der deutschen Bevölkerung jüdischer Herkunft

  • wenn es nicht um die Themen Holocaust und Antisemitismus geht, tritt jüdisches Leben in Deutschland heute (zu) wenig in Erscheinung

  • man wird doch derzeit recht wenig damit konfrontiert, außer, wenn etwas Schlimmes passiert. Berichtet wird ausschließlich über Antisemitismus, dabei gibt es bestimmt tausende positive Beispiele für Zusammenleben