Was weißt du über das Judentum allgemein?

Am häufigsten wurde genannt:

  • Das Judentum ist die älteste der drei großen monotheistischen Religionen, aus der Christentum und Islam hervorgegangen sind, sie alle beziehen sich auf den Stammvater Abraham – andererseits wird es als Volksbezeichnung verwendet (was teilweise umstritten ist)
     

Den Fragebögen ist eine lange Auflistung einzelner Aspekte zu entnehmen, hier einige Beispiele:

  • Sprache: Hebräisch, im deutschsprachigen Raum, vor allem aber auch in Osteuropa (Polen, Tschechien, Slowakei, Ukraine, Russland, Baltische Staaten …) wurde (zumindest bis zur Vernichtung durch die Shoah) viel Jiddisch gesprochen, damit in Verbindung wurde ebenfalls die Kultur des jiddischen Schtetls genannt

  • Die Aschkenasim (Bezeichnung für Juden osteuropäischer und mitteleuropäischer Herkunft) bilden heute die größte Gruppe im heutigen Judentum, sephardische Juden (ursprünglich aus Spanien und Portugal stammend und von dort Anfang des 16. Jahrhunderts vertrieben) haben sich in Folge hauptsächlich in Nordafrika und im Nahen Osten angesiedelt („orientalische Juden“) – natürlich gibt es auch viele säkuläre Jüdinnen und Juden

  • Reformbewegungen im 18. Jahrhundert führten zu verschiedenen Strömungen der Religion, es entstanden das orthodoxe, das liberale und das konservative Judentum, der osteuropäische Chassidismus ist eine religiös-mystische Strömung und Teil des ultraorthodoxen Judentums

  • Judentum hat für mich in erster Linie mit Religion zu tun und eben nicht mit einer Zuordnung zu einer gesellschaftlichen Gruppe

  • Menschen, die am Freitagabend Sabbat feiern, gesäuertes Brot, die Kippa auf Männerköpfen

  • Das Judentum ist keine missionierende Religion. Wer eine jüdische Mutter hat, ist Jude. Es ist nicht einfach, zum jüdischen Glauben zu konvertieren. Wichtiger ist aus jüdischer Sicht, ein guter Mensch zu sein und mit Gott in Beziehung zu stehen, dafür muss man nicht unbedingt Jude sein.

  • Die Heilige Schrift der Juden ist die Thora, das Gotteshaus die Synagoge, die Leiter einer jüdischen Gemeinde werden Rabbi genannt

  • im Gottesdienst wird aus der Thora (Gottes Wort) vorgelesen, der Talmud ist eine Art Gesetzessammlung (613 Gebote und Verbote, welche die Juden in allen Lebensfragen bis hin zum koscheren Essen unterstützen sollen), Streitgespräche über die Auslegung der Thora und Talmud sind üblich und gehören zur Religionskultur, im Gottesdienst gibt es einen Vorsänger, in Synagogen sind im zentralen Raum nur Männer erlaubt, Frauen sitzen extra

  • orthodoxe Juden zeichnen sich durch eine spezielle Kleidung aus (lange, korkenzieherartige Schläfenlocken, weiße Hemden und oft schwarze, längere Mäntel; viele orthodoxe Jüdinnen rasieren sich die Kopfhaare und tragen Perücken

  • Juden dürfen den Namen Ihres Gottes nicht aussprechen

  • Eigene Riten und Gebräuche - z.B. Bar-Mizwa (Jungen mit 13 Jahren) Bat-Mizwa (Mädchen mit 12 Jahren, erst seit Ende des 19. Jahrhunderts in liberalen Gemeinden): eine Art Initiation, die die Religionsmündigkeit feiert (Vorlesen aus der Thora), Beschneidung von Knaben, Gebete an der Klagemauer in Jerusalem, Gebetsriemen und Tallit (Gebetsschal), rituelle Bäder, 7-armiger Leuchter und Davidstern als Symbole

  • Durch Teilnahme an Thora-Lernwochen habe ich viel über die jüdische Religion erfahren. Das war für mich eine große Bereicherung.

  • Jüdische Feste (im Jahreslauf des Mondkalenders): Chanukka (Lichterfest, kurz vor unserem Weihnachtsfest), Rosch ha-Schana (Neujahrsfest), Sukkot (Laubhüttenfest), Jom Kippur (Versöhnungstag)

  • Befreiung von Sünden), Pessach (Auszug aus Ägypten), Jom haScho’a (Holocaustgedenktag)

  • Fromme Juden essen koscher, das bedeutet unter anderem, dass sie keine Milch und Fleischprodukte mischen.

  • Sie dürfen am Sabbat (Samstag entspricht unserem Sonntag) ihrem Feiertag, nicht arbeiten da sie, wie der Herr, an diesem Tag ruhen sollen.

Eine Teilnehmerin erzählte folgende Anekdote:
In einer Dokumentation wurde über das Leben eines orthodoxen israelischen Mannes berichtet, der an Schabbat die Glühbirne in seiner Küche nicht austauschen durfte, da dies als Arbeit gezählt hätte. Eine Christin kam ihn dann besuchen und übernahm die Arbeit für ihn. Ich fand das als Kind sehr lustig und stellte mir vor, wie an diesem Tag ein ganzes Land stillstand.                                                                                     

Ebenfalls mehrfach:
Juden sind seit langer Zeit durch Vertreibung und Versklavung an vielen Orten der Welt ansässig und wurden oft als nicht-zugehörig und anders wahrgenommen, weswegen zur Geschichte und der Realität des Judentums (allgemein) leider meist auch Diskriminierung gehört. „Jüdisches Volk = Volk ohne Land“, Leben in der Diaspora. Der Staat Israel wurde erst nach dem 2. Weltkrieg, im Mai 1948 gegründet.

Verschiedene Antworten:

  • Wichtig ist es, den „Opferaspekt“ zu ergänzen durch einen anderen Blickwinkel, z.B. durch Quellen, die auf Jüdinnen und Juden verweisen, die gegen die Nationalsozialisten aktiv gekämpft oder in verschiedenen Formen Widerstand geleistet haben.

  • Einblicke in die Religion im Vergleich zum Islam und zum Christentum erhielt ich durch Vorträge von Prof. Kuschel

  • Dass sich die Juden als auserwähltes Volk Gottes betrachten (Gott hat einen besonderen Bund mit dem jüdischen Volk geschlossen), scheint mir u.a. auch ein Grund für (christlich motivierten) Antisemitismus zu sein

  • Jüdische Literatur, z.B. die Geschichte vom Golem, Lessings Stück „Nathan der Weise“ hat mich sehr geprägt. So sehe ich Rabbis intuitiv als weise und humorvolle Personen vor mir. Immer wieder bin ich beeindruckt, wenn ich jüdische Witze (auch über den Holocaust) höre. Das sind Witze, die herausfordern und die man als Deutscher wirklich nicht machen sollte.

  • Bildung spielt im Judentum von jeher eine große Rolle (Grundlage u.a. ist die Erfindung des Alphabets)
    - ca. 2 % der Weltbevölkerung sind jüdisch
    - ca. 20 % der Nobelpreisträger*innen sind jüdisch

  • Über Bücher, Filme und meine Besuche in Israel ist mir letztlich fast mehr bekannt als über das Christentum

  • Vom jüdischen Leben erfahre ich nur zu zufällig durch kurze Beiträge im Radio oder im Fernsehen.

  • Kenntnisse durch diverse Beiträge in Printmedien, Literatur zum Judentum und Antisemitismus

  • Das, was wir in der Schule im Religionsunterricht gelernt haben. Da habe ich ein Referat gehalten und wollte danach gerne konvertieren. Aber das ist dann doch zu schwierig und auch von keiner Seite wirklich gewünscht.

  • Vor allem das, was in der Bibel berichtet wird

  • durch jüdische Freunde kenne ich ein wenig die heutigen Alltagsfragen, durch meine Arbeit im Museum habe ich mich auch mit den jüdischen Tübinger*innen und ihrer Geschichte beschäftigt

  • über jüdische Traditionen erfahre ich, seit ich in den USA lebe relativ viel, jüdische Feiertage stehen hier in den Kalendern, so dass einem auch die bekanntesten Feiertage etwas geläufiger sind

  • Über das gelebte Judentum weiß ich nichts, da ich keinerlei Kontakte zu Juden habe

  • Wenig - das hat aber damit zu tun, dass ich mich wenig für Religionen im Allgemeinen interessiere. Ein paar Bräuche erscheinen mir skurril. Aber das trifft auf andere Religionen genauso zu

  • Leider zu wenig

  • Viel, aber immer noch viel zu wenig!
     

Eine teilnehmende Lehrerin äußerte folgende Einschätzung:
Ein Religion, die uns? / mir aber mittlerweile vielleicht fremder ist in ihren Riten und Glaubenssätzen als der Islam (damit musste ich mich beruflich viel auseinandersetzen…). Befremdlich (auch hier aus meiner Sicht) die Restriktionen der Rolle von Frauen in der jüdischen Gesellschaft – vor allem der Backlash in den ultra-orthodoxen Communities in Israel seit dem Zuzug von Juden aus den osteuropäischen Ländern in den letzten Jahre, und wie der israelische Staat den orthodoxen Juden Sonderrechte zugesteht, die mit allgemeinen Freiheits- und/oder Menschenrechten nichts mehr zu tun haben.
Demgegenüber erscheinen Frauen wie Fanny Hensel oder andere Frauen aus großbürgerlichem Haus aus dem 19. Jahrhundert mit ihren Salons, ihrer weitgefächerten Bildung im Sinne des humboldtschen Ideals und ihrer Bedeutung im kulturellen Leben ihrer jeweiligen Stadt wie eine Fata Morgana.