Woher, denkst du, kommt Antisemitismus heute und in der Vergangenheit?
Was sind mögliche Ursachen und / oder Quellen?

Viele der Befragten nannten mehrere Gründe, die nachfolgend einzelnen Aspekten zugeordnet sind

Historisch bedingt / tradiert und von Generation zu Generation weitergegeben, fast alle der Befragten nannten diese Gründe – „Sündenbockfunktion“ und ihre Ursachen:

  • Mangelnde Bildung und fehlende Kontakte zu anderen Kulturen – in diesem Zusammenhang zu jüdischen Menschen - verstärken diese Ablehnung des scheinbar Fremden, heute und in der Vergangenheit.

  • Eine große Rolle spielen sicherlich sozialpsychologische Dynamiken, eine persönliche, wirtschaftliche und / oder politische Unzufriedenheit. Als „Ursache“ für die eigene Benachteiligung, aber auch von gesellschaftlichen Gruppen, werden oft Schuldige gesucht, die, einmal benannt, eine „Sündenbockfunktion“ übernehmen müssen. Dazu dienen immer auch Minderheiten als irrationale Projektionsfläche und werden dadurch als die eigentlich Schuldigen identifiziert.

  • Mitunter spielt Neid eine große Rolle, der umso stärker wird, wenn einzelne Mitglieder dieser Gruppe / Minderheit in einer besseren wirtschaftlichen Position, beruflich erfolgreicher und besser gebildet sind, wie dies z.B. auf etliche deutsche (europäische) jüdische Bürgerfamilien im 19. / 20. Jh. zutraf. In dieser Sichtweise sind dann (trotz vielfach überprüfbarer Gegenbeispiele) vermeintlich „alle Juden“ reich und beuten die „normale Bevölkerung“ aus oder sind schuld an der prekären Lage der „einfachen Leute“. Weitere Vorurteile und die (bewusste) Zuschreibung negativer Eigenschaften verstärken dies noch.

  • Etliche (meist west- oder mitteleuropäische) Juden hatten das „Pech“ in einer Gesellschaft erfolgreich zu sein und Reichtum gut zu managen, teils über Generationen, was zu Neid und Hass führte. Ein ökonomisch schwaches Deutschland nach dem ersten Weltkrieg, eine instabile Demokratie, verzweifelte Menschen und ein Hetzer an der Spitze, wurde zum Verhängnis – was an Ressentiments in dieser Zeit entstand, dauert teilweise heute noch fort – „der Schoß aus dem es kroch, ist auch heute fruchtbar noch“

  • Leider entstanden und entstehen aus Vorurteilen sehr schnell sich hartnäckig erhaltende Verschwörungsmythen oder wurden / werden bewusst konstruiert. So beispielsweise das Streben nach einer „jüdischen Weltherrschaft“ - oftmals als Tatsache verbreitet und scheinbar durch „Die Protokolle der Weisen von Zion“ belegt. Die „Protokolle …“ hatten keinerlei Grundlage und wurden im ausgehenden 19.Jh. frei erfundenen, sehr wahrscheinlich vom oder im Auftrag des zaristisch-russischen Geheimdienst „Ochrana“. Vertreten sind in 24 Protokollen ganz unterschiedliche judenfeindliche Thesen und Aussagen, die von der Verursachung der mittelalterlichen Pest durch Brunnenvergiftungen durch Juden bis hin zum Schaffen eines jüdischen Weltreichs reichen. Die „Protokolle“ fanden Anfang des 20.Jhs. zunächst in Russland und Frankreich, etwas später auch in Deutschland in großem Maß Verbreitung, um gezielt Juden zu diskreditieren und verfolgen zu können. Im Nationalsozialismus dienten sie u.a. als Beweis für eine „jüdisch-kommunistische Weltverschwörung“.

  • Bereits Kaiser Wilhelm der II. nutzte diese hetzte als Anhänger dieser Thesen aktiv gegen Juden, was in der Aussage gipfelte: „Ich denke, das Beste wäre Gas.“

  • Auch heute noch berufen sich judenfeindliche Kreise (u.a. auch ein AfD-Politiker) auf die „Protokolle“, sie haben finden im arabischen Raum große Verbreitung und sogar im Zusammenhang der Coronapandemie und vor allem in den Sozialen Netzwerken scheinen sie wieder Hochkonjunktur zu haben.
     

Religiös motivierter Antisemitismus wurde ebenfalls von den meisten Befragten genannt:

  • Es gibt eine lange Geschichte des christlichen Antijudaismus, bedauernswert ist die Auseinanderentwicklung von Judentum und Christentum seit der Antike.

  • Die Christen konnten nicht akzeptieren, dass die Juden sich nicht zum Christentum bekehren wollten und sich weiterhin als das „Auserwählte Volk“ bezeichnen, obwohl Jesus in ihren Augen einen neuen Bund geschlossen hat, welcher den alten Bund ersetzte. Die Karfreitagsliturgie in der kath. Kirche z.B. hat nach meiner Auffassung viel zu diesem rassistischen / antisemitischen Denken beigetragen.

  • Auch in den paulinischen Briefen lässt sich Antisemitismus bereits deutlich erkennen.

  • Religiöse Ressentiments und Anfeindungen - nicht zu unterschätzen ist dabei der starke Einfluss, den z.B. Martin Luthers antisemitische Schriften (ihn nicht als ihren Erlöser zu begreifen) und die zunehmende Christianisierung im frühen Mittelalter waren Gründe, dass Juden massiv unterdrückt, vertrieben und verfolgt wurden.

  • Diffamierungen im christlichen Kontext, wie z.B. die „Judensau“ an oder in Kirchen, traten bereits relativ früh (13.JH.) in Erscheinung.

  • Hartnäckig verbreiteten sich auch Ritualmorderzählungen – Juden töteten angeblich christliche Kinder, um ihr Blut zur Herstellung des Mazenbrotes zu verwenden.

  • Das Schema der Antagonismen (bzw. Feindschaften und historisch bedingten tiefen Gräben) zwischen den großen Religionen gab und gibt eine entscheidende Vorlage (heute z.B. im Zusammenhang des politischen Islams).
     

Politisch motivierter Antisemitismus, diese Punkte wurden mehrfach genannt:

  • Heute speist sich der Antisemitismus hauptsächlich aus dem Nahostkonflikt. Der Streit um das Existenzrecht Israels, um die Ein- oder Zweistaatenlösung führt zu ständigen Konflikten und militärischen Auseinandersetzungen (Gaza Konflikt, Westjordanland) – oder:

  • der aktuelle Antisemitismus ist wahrscheinlich weniger rassistisch motiviert, ich nehme an, dass vielmehr die (aktuellen) politischen Spannungen im Nahen Osten zu antisemitischen Vorurteilen in unserer und anderen Gesellschaften beitragen

  • Antisemitismus entsteht auch dort, wo nicht getrennt wird zwischen der Politik Israels und jüdischen Menschen / Judentum

  • Jüdische Menschen (so z.B. auch jüdischen Deutsche) werden kollektiv für die Politik des israelischen Staates verantwortlich gemacht – Beispiele gibt es viele, z.B. Ausgrenzung, Diskriminierung und Unterdrückung von Palästinenser*innen, Siedlungspolitik, (illegale) Landnahme im Westjordanland, militärischer Staatsterror, Verhinderung der Zweistaatenlösung, um nur einiges zu nennen, bis hin zu Anschuldigungen wie Israel tötet (angeblich bewusst) palästinensische Kinder (hier besonders verquaste Entsprechungen im „christlichen mittelalterlichen Mythos Blut für Mazenbrot“ – „das haben die Juden doch früher schon gemacht“)

    Einige Befragte erklären sich den zunehmenden Antisemitismus durch das Erstarken der „extremen Rechten“ (teilweise faschistischer Gruppierungen), andere nennen aber auch folgenden Grund:

  • Neu ist die Haltung einiger Linker, denen bei der Kritik an der Politik des Staates Israel auch schon mal die Trennschärfe zwischen dieser und antisemitischen Haltungen misslingt. Eine verräterische Formulierung ist hier: „Das wird man ja mal wohl noch sagen dürfen.“

  • Der politische Konflikt zwischen Israel und den arabischen Ländern wird in Deutschland zwischen den hier lebenden Arabern und Israelis (Juden) aktiviert und ausgetragen. Dies beginnt oft von klein auf; eine Lehrerin berichtet: Bei muslimischen Schülern aus dem Nahen Osten musste ich feststellen, dass sie das Wort ‚Israel‘ nicht kennen. Sie kennen nur Palästina.
    es wurde aber auch zu bedenken gegeben:

  • Heute verursacht m.E. die (deutsche) Kritiklosigkeit (offizieller Stellen / politischer Institutionen) gegenüber israelischer Politik, dass grundsätzliche Kritik an Israels Politik oftmals als Antisemitismus dargestellt wird.
     

Mehrere Personen äußerten folgen Gründe für Antisemitismus:

  • Antisemitische Denkweisen und Strömungen wurden schon immer auch von prominenten Persönlichkeiten vertreten und befördert (Vorbildfunktion?), so wurde z.B. Richard Wagner genannt, der „den Juden“ die Fähigkeit zur Kunst in Abrede stellt, und auch in Rudolph Steiners Ausführungen zur Anthroposophie finden sich antisemitische Tendenzen

  • Pseudowissenschaftliche Gründe, z.B. die Rassenlehre des ausgehenden 19. und beginnenden 20.Jh. etc., wurden als „Beweise“ für die Minderwertigkeit der „jüdischen Rasse“ herangezogen.

  • Fremdenfeindlichkeit und rassistisches Denken sind auch heute noch eine weit verbreitete Ursache, wobei Juden immer noch als „Rasse“ (siehe N.S. Rassenlehre) betrachtet und ausgegrenzt werden

  • Antisemitismus tritt auf, wenn ein Feindbild für irgendwelche Ereignisse „gebraucht“ wird. Es wird jemand für irgendein Ereignis schuldig gemacht und hier wird sehr gern auf die Juden zurück gegriffen - nach dem altbekannten Strickmuster: „Der Jude ist an allem schuld“ - Antisemitismus funktioniert wie ein Blitzableiter

  • Jüdinnen und Juden als Minderheit, waren in verschiedensten Zusammenhängen ein leicht zu definierendes Opfer von Diskriminierung. Jedoch auch Sinti und Roma, Ausländer und „Flüchtlinge“ sind und waren im Lauf unserer Geschichte immer wieder betroffen (wurde teilweise genannt).

  • weil Feindbilder gebraucht werden, um vom eigenen Unwohlsein abzulenken oder von der eigenen Desintegration und erlebten Ausgrenzung

  • leider ist es eine menschliche Eigenschaft, Personen(gruppen) zu stigmatisieren, dem Drang zu folgen, andere zu diskriminieren, klein zu machen, auszugrenzen, um sich selbst zu erhöhen.

  • Fake News im Internet / Sozialen Netzwerken werden ungefiltert und unüberlegt übernommen und in dafür anfälligen Bubbles immer wieder reproduziert und massenhaft weiterverbreitet

  • Antisemitische Äußerungen (auch unter Jugendlichen) werden oft zu sehr bagatellisiert, ihnen wird nicht widersprochen und die Äußerungen nicht zu einer differenzierten Auseinandersetzung aufgegriffen

  • die (allzu oft) fehlende öffentliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus führt zu Wachsen im Untergrund

  • Die „Mitte-Studie“ (alle zwei Jahre untersucht die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in der deutschen Gesellschaft) von 2021 beschreibt, dass 23 Prozent der Bevölkerung der Aussage zustimmten "Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss".