Zusammen gegen Antisemitismus

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Ist es notwendig, jüdisches Leben, bzw. jüdisch sein in Deutschland zu thematisieren?
Einerseits nicht, denn wir definieren uns nicht nur - wenn überhaupt - über unsere Religionszugehörigkeit oder unsere Herkunft. Und natürlich ist es in Deutschland durch unser Grundgesetz garantiert, jüdischen Glauben zu leben, ebenso wie christlichen, muslimischen oder den einer sonstigen Glaubensgemeinschaft.
Oder keiner Glaubensgemeinschaft anzugehören, säkular zu leben, letztendlich als Mensch unter Menschen in einer Gesellschaft zu leben, die sich humanitären Grundsätzen und Rechten verpflichtet hat. "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich." (Artikel 4)

Andererseits stellt sich die Frage, ob jüdisches Leben (nicht zuletzt auf Grund der deutschen Geschichte) auch immer wieder der besonderen Aufmerksamkeit bedarf und unter verschiedenen Aspekten unfreiwillig ins Blickfeld öffentlichen Interesses gerät. So war unsere Gesellschaft nie (ganz) frei von antijüdischen Ressentiments. Antisemitische Anfeindungen und Taten haben in den letzten Jahren beständig zugenommen. Fast hat man den Eindruck, dass Antisemitismus in bestimmten Kreisen wieder gesellschaftsfähig geworden und längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Aus diesem Grund scheint es uns notwendig, sich immer wieder mit dem Thema „Antisemitismus“ auseinanderzusetzen – nicht das jüdisch sein muss thematisiert werden, sondern der gesellschaftliche Umgang damit, der es immer wieder aus der Selbstverständlichkeit heraushebt.

 

Das Projekt gliedert sich in mehrere Teile und soll in Form einer Installation gezeigt werden. Im Mittelpunkt stehen Fotoportraits, die zusammen mit einem persönlichen Statement der jeweiligen Personen zum Thema Antisemitismus präsentiert werden. Die Fotos zeigen Menschen jüdischer und nichtjüdischer Herkunft, die sich an unserem Projekt beteiligt haben, um gegen ein (scheinbar nie enden wollendes) Übel unserer (deutschen) Gesellschaft Stellung zu beziehen. Bewusst werden die Fotografien in „loser“ Mischung gezeigt. So soll zum Ausdruck gebracht werden, dass es uns keinesfalls um Zugehörigkeit zu verschiedenen „Volksgruppen“ geht, sondern um Menschen, die Teil einer Gesellschaft sind - also nicht Jüdinnen und Juden in Deutschland, sondern deutsche Jüdinnen und Juden (evtl. auch, manchmal historisch bedingt, mit einem israelischen Pass), die so selbstverständlich in Deutschland leben wie der christliche oder säkuläre und seit vielen Jahren auch der muslimische Teil unserer Bevölkerung.

In unserer Fotoserie zeigen wir bereits ganz bewusst ein Problem unserer Gesellschaft auf, das auch in den Auswertungen der Fragebogenaktion deutlich beschrieben wird. Manche der jüdischen Mitbürger*innen haben aus Furcht vor antisemitischen Anfeindungen (immer noch) ein ungutes Gefühl, sich offen zu ihrer jüdischen Herkunft zu bekennen, öffentlich leben sie mehr oder weniger „unsichtbar jüdisch“. Aus diesem Grund ließen sie sich bewusst nur von hinten oder im verdeckten Halbprofil fotografieren.
Andere wollen sich zwar in dem Projekt engagieren, jedoch nicht auf Grund ihrer Religionszugehörigkeit oder ihres „jüdisch sein“ definiert und wahrgenommen werden, sondern als einfache Menschen unter Menschen in Deutschland leben.
In der Fotoserie greifen wir also ein Problem auf – es wird mitunter noch immer nicht als selbstverständlich erlebt, als Jüdin oder Jude in Deutschland zu leben.

Parallel zur Erstellung der Fotoserie wurde eine Fragebogenaktion gestartet und Interviews durchgeführt - mit (nahezu) allen Portraitierten wurden ausführliche persönliche Gespräche zum Thema geführt. Dabei ging es u.a. auch um die Wahrnehmung und das Erleben antisemitischer Vorurteile und Anfeindungen in unserer Gesellschaft. Das Projekt entwickelt sich auf diese Weise auch hin zu einer Sensibilisierung der Beteiligten, sich mit diesem Thema (wieder) stärker zu befassen, aufmerksam zu werden.
Durch die Zusammenführung der unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen im Rahmen dieses Projekts wollen wir nun ein differenziertes (wenn auch auf Grund der Anzahl der Befragten nicht repräsentatives) Bild des Phänomens „Antisemitismus“ zeichnen und Gemeinsamkeiten aufzeigen. Jüdische und nichtjüdische Blickwinkel vereinigen sich zu einem gemeinsamen Statement – Zusammen gegen Antisemitismus!

Gleichzeitig werden durch die verschiedenen Themen, die in der Fragebogenaktion angesprochen werden, verschiedene Aspekte jüdischen Lebens in Deutschland beleuchtet, in Vergangenheit und Gegenwart.

Wie auch in der Fotoserie gezeigt, ist es und wichtig zu thematisieren, wie Jüdinnen und Juden ihre persönlichen Erfahrungen einschätzen; führen sie ein „normales“, unauffälliges Leben, fühlen sie sich, bzw. sind sie in die deutsche Gesellschaft integriert? Ist es ihnen wichtig, sich zu ihrer jüdischen Herkunft und / oder Religion zu bekennen oder fühlen sie sich als (säkuläre) Bürger*innen unter Bürger*innen?
Oder verbergen sie aus Sorge vor Übergriffen oder Anfeindungen ihre jüdische und / oder israelische Identität? Ist jüdisches Leben evtl. „Unsichtbar – in der Mitte der Gesellschaft?“

Und ist Antisemitismus ein Phänomen unserer Gesellschaft, das wieder mehr und mehr sichtbar und in manchen Kreisen sogar als „gesellschaftsfähig“ empfunden wird? Die ständig zunehmenden verbale Anfeindungen und Taten gegen Jüdinnen und Juden zeigen bedauernswerter Weise eine eindeutige Tendenz in diese Richtung.

Und ist Antisemitismus eigentlich immer das Problem der anderen oder müssen wir uns immer wieder selbst hinterfragen? Auch dies wird in der Befragung der nichtjüdischen Teilnehmer*innen angesprochen; wo stehe ich, wie verhalte ich mich persönlich? Bin ich aufmerksam, wo und durch wen antisemitische Anfeindungen verbreitet werden? Habe ich Verantwortung, mich diesbezüglich und in dieser Gesellschaft in Bezug auf dieses Thema zu positionieren?
Aus diesen Gründen ist es umso wichtiger, Gesicht zu zeigen - gegen Antisemitismus!

 

Dieses Projekt ist auch als Fortsetzung einer Ausstellungsreihe zu jüdischem Leben in Deutschland zu sehen. Im Rahmen der Erinnerungskultur wurden nachfolgende Installationen gestaltet:

  • Tartaros zur Deportationsliste vom Dezember 1941 und der nachfolgenden Ermordung u.a. dieser Tübinger Jüdinnen und Juden in Riga (2017 im Stadtmuseum TÜ von Peter Krullis)

  • Heres – der Verlust der Menschlichkeit zu Deportation und Ermordung von Tübinger Jüdinnen und Juden im 3. Reich (2018 in der Kulturhalle TÜ)

  • die Erweiterung der Installation im Rahmen zur dokumentarischen Ausstellung zu Kurt Gerstein (2019 in der Glashalle des Landratsamtes Tübingen von Peter Krullis und Lissi Maier-Rapaport)
     

Unser aktuelles Projekt erweitert das Thema, lenkt es von der Erinnerungskultur in die Gegenwart und stellt die Frage, wie wir zusammen in der heutigen Gesellschaft antisemitischen Strömungen etwas entgegenstellen können.